Pfarrmagazin
Liebe Schwestern und Brüder, verehrte Leser unseres Pfarrmagazins,
mit dem letzten Drittel des Kirchenjahres gehen wir einer Zeit entgegen, die von Erinnerung, Dankbarkeit und Hoffnung geprägt ist. Wenn wir auf die vergangenen Monate zurückblicken, wird deutlich, wie vielfältig und lebendig das Glaubensleben in unserer Pfarrei ist. Viele Menschen haben sich auf den Weg gemacht – im wahrsten Sinne des Wortes.
Die Annaoktav unter dem Motto „follow me!“ – folge mir! – hat wieder zahlreiche Pilgerinnen und Pilger zusammengeführt. Die Wallfahrt zur Trösterin der Betrübten im Muttergotteshäuschen hat Menschen eingeladen, ihre Sorgen und Bitten vor Gott zu tragen und sich zu fragen, „wo man zuhause ist“? Die Heimbach-Wallfahrt der Kolpingfamilie und die Trier-Radwallfahrt haben gezeigt, dass Glaube nicht nur im Kirchenraum stattfindet, sondern unterwegs wächst – im gemeinsamen Beten, Singen, Schweigen und Begegnen. Diese Wallfahrten gehören zu dem, was die Kirche seit Jahrhunderten Volksfrömmigkeit nennt: Ausdrucksformen des Glaubens, die aus dem Leben der Menschen erwachsen sind und das Evangelium mitten in den Alltag hineintragen.
Doch gibt es sie heute überhaupt noch – die Volksfrömmigkeit? Oder ist Glauben inzwischen ausschließlich zu einer ganz persönlichen, individuellen Angelegenheit geworden? Sicher ist: Der Glaube wird heute anders gelebt als noch vor wenigen Generationen. Viele traditionelle Selbstverständlichkeiten sind verschwunden. Und dennoch entdecke ich immer wieder, dass die Sehnsucht nach sichtbaren Zeichen des Glaubens geblieben ist. Menschen entzünden Kerzen, pilgern, lassen ihre Häuser segnen, bringen Kräuter zur Kräuterweihe, stecken Palmzweige in ihre Gärten oder bitten um Weihwasser für ihr Zuhause. Zu Erntedank danken wir für die Gaben der Schöpfung. Familien versammeln sich an den Gräbern ihrer Verstorbenen, um gemeinsam zu beten. Nachbarschaften WILLKOMMEN gestalten Adventsfenster und erleben dabei Gemeinschaft. Die Segnung von Feldern und Wiesen erinnert daran, dass unser Leben und unsere Arbeit letztlich Gottes Segen bedürfen.
Sind diese Bräuche überholt? Ich meine: Nein. Sie sind keine Folklore, sondern Ausdruck eines Glaubens, der den ganzen Menschen und sein Leben umfassen möchte. Sie machen sichtbar, dass Gott nicht nur am Sonntag in der Kirche gegenwärtig ist, sondern mitten in unserem Alltag, in unseren Häusern, auf unseren Wegen und auf unseren Feldern. Gerade die kommenden Wochen führen uns diese Wahrheit eindrucksvoll vor Augen. Am Vorabend von Allerheiligen feiern wir die Gottesdienste in der Hoffnung auf die Gemeinschaft der Heiligen. Die Gräbersegnungen an Allerheiligen und das zentrale Totengedenken in der Grabes- und Auferstehungskirche St. Cyriakus schenken Trost und verbinden uns mit denen, die uns im Glauben vorausgegangen sind. Sie erinnern daran, dass nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern Christus.
Papst Franziskus schrieb über die Volksfrömmigkeit: „Die Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit sind eine wahre Spiritualität des Gottesvolkes.“ (Evangelii Gaudium, Nr. 124)
In diesen wenigen Worten steckt eine wichtige Botschaft: Volksfrömmigkeit ist keine Frömmigkeit zweiter Klasse. Sie ist gelebter Glaube. Sie verbindet Generationen, schafft Gemeinschaft und hilft vielen Menschen, Gott mit Herz und Händen zu begegnen. Vielleicht brauchen wir heute weniger die Frage, ob Volksfrömmigkeit noch zeitgemäß ist, sondern vielmehr die Bereitschaft, ihren tiefen Sinn neu zu entdecken. Denn überall dort, wo Menschen gemeinsam beten, pilgern, segnen, erinnern und danken, wächst Kirche – nicht als abstrakte Idee, sondern als lebendige Gemeinschaft des Glaubens.
Ich wünsche Ihnen, dass die kommenden Monate mit ihren Festen und Bräuchen Ihnen neue Kraft schenken. Mögen sie uns helfen, unseren Glauben nicht nur zu denken, sondern auch zu leben – sichtbar, hoffnungsvoll und gemeinsam.
Ihr Pastor Ernst-Joachim Stinkes
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