Finger in die Wunden legen

Bild: Peter Weidemann pfarrbriefservice.de

Im Sonntagsevangelium (Joh 20, 19-31) hören wir von Thomas, der im Volksmund „der ungläubige Thomas“ heißt. Mir ist er sehr sympathisch, weil er nicht vorschnell alles abnickt, sondern kritisch hinterfragt. Seine Trauer, seinen Schmerz überspringt er nicht einfach, sondern legt die Finger in die Wunden. Das braucht er, um das zu be-greifen, was Auferstehung bedeutet.

Die menschliche Erfahrung sagt uns, dass dieser Schritt nötig ist, um wirklich ins Reine zu kommen, um in der Tiefe zum Frieden zu finden. Nach einer zerbrochenen Beziehung kann ich mich nicht einfach in das nächste Liebesabenteuer stürzen, sondern muss mir Zeit nehmen, die alte Beziehung wirklich hinter mir zu lassen – mit dem, wofür ich dankbar bin, und auch mit den Wunden, die bleiben. Das gilt auch für gesellschaftliche Erfahrungen wie die mit der Corona-Zeit. Auch da ist es wichtig, Finger in Wunden zu legen, die Kita- und Schulschließungen, das Alleinlassen von alten und sterbenden Menschen usw. hinterlassen haben. Das gilt für die Kirche im Umgang mit dem sexuellen Missbrauch. Zuerst muss ehrlich hingeschaut werden, was warum geschehen ist, bevor Konsequenzen gezogen werden, die Missbrauch möglichst verhindern. Das gilt für den Umgang mit der Trauer um einen geliebten Menschen, die ich zulassen und bearbeiten muss, um Schritt für Schritt innerlich frei zu werden für ein Weiterleben.

Danke, Thomas, für Deine Zweifel und Deinen „Unglauben“!

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