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Start eines Innovationsprozesses in St. Lukas beschlossen

Gemeinsam Verantwortung für die Zukunft übernehmen

Große Herausforderungen warten in den nächsten zehn Jahren auf die Pfarre St. Lukas. Darin waren sich die Vertreter der drei Leitungsgremien – GdG-Rat, Kirchenvorstand und Pastoralteam – bei ihrer gemeinsamen Sitzung am 1. September 2016 einig. Wie sich die Pfarre den zum Teil als dramatisch eingeschätzten Veränderungen stellen soll, wird in einem Innovationsprozess erarbeitet werden. Die Erkenntnis, dass es in Anbetracht der Lage nicht einfach um die Fortschreibung nach bekannten Mustern gehen kann, setzte sich in der Runde schnell durch. Gleichwohl haben wir als Kirche und als engagierte Pfarre St. Lukas auch „einiges zu bieten“. In den letzten Monaten hatte sich eine Projektgruppe, bestehend aus freiwillig Engagierten und Hauptamtlichen der Pfarre, intensiv mit den gesellschaftlichen Veränderungen und deren Konsequenzen für das pastorale Handeln auseinandergesetzt. Begleitet wurde sie von Gemeindeberatern des Bistums Aachen. Die Erkenntnisse aus diesem Arbeitsprozess stellten sie nun den Mitgliedern der drei Leitungsgremien vor. Der Start des Veränderungsprozesses ist am Samstag, 30. April. Interessierte Menschen, die Lust auf Veränderung und neue Ideen haben, sind herzlich eingeladen, sich von schon praktizierten Aufbrüchen anregen zu lassen und als „Kundschafter“ auf die Suche nach Ideen zu machen.

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ZUM HINTERGRUND:

Kirche verliert zunehmend an gesellschaftlicher Relevanz

Die Pfarre St. Lukas bietet augenblicklich durch den Einsatz der sehr vielen, oft hoch engagierten Ehrenamtlichen und der großen Zahl hauptberuflich Tätiger ein vielfältiges und gutes Angebot, das weit über die Grundversorgung wie das Spenden der Sakramente, die Seelsorge und die Caritas hinaus geht und sich bis hin zur Trägerschaft von Kindertagesstätten und offenen Jugendeinrichtungen erstreckt. Wir sind daher weit über die Pfarrgrenze in das Dürener Umland hinaus attraktiv. Aber die Rahmenbedingungen unseres Wirkens ändern sich rasant. Wer in den letzten Jahren zum Beispiel den stark sinkenden Besuch unserer Gottesdienste beobachtet hat schon eine Veränderung erkannt. Der schon jetzt augenfällige Rückgang der Katholiken, wird in den nächsten zehn Jahren acht Prozent betragen. Zugleich sinkt zusätzlich der Anteil der Katholiken, die unsere Gottesdienste besuchen. So ist davon auszugehen, dass 2025 nur noch gut die Hälfte der heutigen Gottesdienstbesucher zu erwarten sind. Für 2040 sagt die Prognose sogar einen Rückgang von 90 Prozent gegenüber heute voraus. Es ist also überdeutlich, dass mit unseren Gottesdiensten kaum noch Menschen erreicht werden. Diese Beobachtung ist ein Indikator dafür, dass wir als Kirche zunehmend an gesellschaftlicher Relevanz verlieren. Menschen, die sich den christlichen Kirchen zuordnen, werden in einigen Jahren nicht mehr die Mehrheit der deutschen Bevölkerung bilden. Wir Katholiken werden nur noch circa ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. In sehr vielen gesellschaftlichen Milieus wird die Kirche nicht mehr verankert sein – Glaube und Religion haben für die Menschen kaum noch Alltagsrelevanz. In einigen Jahren ist traditionelle Gläubigkeit einem individuellem „Patchwork-Glauben“ aus Elementen verschiedener religiöser Traditionen und Werte gewichen.

Gottes „Bodenpersonal“ wird weniger

Es ist ein rapider Anstieg des Durchschnittsalters der Katholiken zu erwarten. Alle, die sich engagieren und Kirche ausmachen, werden immer älter. So wird auch der Anteil der erwerbstätigen Katholiken um 25 Prozent sinken. Die Folge, die Kirchensteuereinnahmen gehen deutlich zurück. Schon in einigen Jahren (nicht erst 2025) werden die Kirchensteuereinnahmen die Personal- und Sachkosten nicht mehr decken. Bis 2020 ist eine Halbierung der beruflich pastoralen Mitarbeitenden zu erwarten. Bis 2022 wird nur noch die Hälfte der heute aktiven Priester im Dienst sein. Das Bistum Aachen rechnet damit, dass dann zwölf der heutigen GdG nicht mehr mit einer Priesterstelle besetzt werden können. Ein großer Teil unseres derzeitigen kirchlichen Angebotes, mit dem wir heute haupt- und ehrenamtliches Personal binden, wird in Zukunft weniger Menschen erreichen und an Strahlkraft verlieren. Der Wandel der Gesellschaft findet statt und wir Christen müssen uns fragen, wie wir darauf reagieren. Wie wir es schaffen die Menschen mit unserer christlichen Botschaft zukünftig erreichen.

Kann die Kirche, wie wir sie bisher kennen, diesen Trends etwas entgegen setzen?

Ja! Es steht jedoch ein neues und vor allem gemeinsames Vorgehen an. Es gilt, neue Wege zu den Menschen zu finden. Um unsere Botschaft weiterhin verkünden zu können, müssen wir es schaffen, mit neu entwickelten Angeboten und wahrnehmbarer gesellschaftlicher Präsenz an die konkreten Bedürfnisse der Menschen anzuknüpfen. Hierzu ist auch eine Veränderung unseres Selbstverständnisses nötig. Kirche ist nicht Selbstzweck – es geht um das „gute Leben“ der Menschen. Aber es gibt keine „einfachen“ Lösungen. Wir müssen unseren Horizont erweitern, evtl. ungewohnte Lösungsansätze zulassen und Experimente wagen. Es gibt viele gute Beispiele für interessante neue Ansätze, um in der Gesellschaft wieder präsenter zu sein.

Aus Ideen werden zukunftsfähige Projekte

Die Mitglieder der Leitungsgremien der Pfarre St. Lukas haben mehrheitlich entschieden, sich auf einen Veränderungs- und Lernprozess einzulassen, um Innovationen, Kreativität und Visionen möglichst vieler Menschen unserer Pfarre Raum zu geben. Dies aus der Überzeugung heraus, dass der Prozess nur so nachhaltig und erfolgreich sein kann. In einer ersten Phase ist vorgesehen, sich von Versuchen anderer Kirchen und Institutionen mit ähnlichen Herausforderungen anregen zu lassen. In der zweiten Phase sollen diese Inspirationen nachwirken und Raum bekommen in einem intuitiv-spirituell-schöpferischen Innehalten – vergleichbar einer Meditation. Hier können die Ideen für die Zukunft wachsen. In einer dritten Phase sollen diese Ideen möglichst unmittelbar in Form von Experimenten ausprobiert werden. Wichtig – es geht hier vorrangig um ein Ausprobieren im Sinne eines Lernprozesses. Es sind keine fertigen und ausprobierten Lösungen zu erwarten, die kopiert werden könnten. Es muss also auch mit „Fehlern“ gerechnet werden. Diese sind jedoch notwendig für eine fortschreitende Entwicklung.

Investition in die Zukunft

Den drei Leitungsgremien ist klar, dass dieser mindestens auf ein Jahr angelegte Lern-Prozess uns als Pfarre etwas „kosten“ wird. Sowohl personelle als auch finanzielle Ressourcen sind notwendig, damit die Entwicklung neuer Ideen gelingen kann. Dazu sind finanzielle Mittel sowie hauptberufliches und ehrenamtliches Engagement notwendig. Dies wird aber nicht zusätzlich erbracht werden können. Das heißt konkret, dass einzelne pastorale Projekte für die Zeit des Prozesses ausgesetzt bzw. zurückgefahren werden müssen. Zwar soll Bewährtes und Zukunftsträchtiges weiterhin gepflegt werden, gleichzeitig muss aber auch in gleichem Umfang in Experimente investiert werden. Die Mitglieder der Leitungsgremien sind sich einig, dass es uns gelingen kann, uns als Kirche und als Pfarre St. Lukas zukunftsfähig aufzustellen. Denn so sind wir eine Kirche, die für die Menschen da ist und mitten in der Gesellschaft steht. Wir freuen uns auf viele motivierte Menschen, die mit ihren Ideen und ihrer Kreativität an dieser Vision mitwirken wollen. Weitere Informationen zu den Herausforderungen der Kirche von morgen und den Innovationsprozess in St. Lukas werden Sie in Zukunft hier an dieser Stelle finden. 

Hedi Becker und Wolfgang Weiser

Katholische Kirche in Deutschland - Kennwerte, Trends und Prognosen

Die statistischen Prognosen der gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklungen finden sich eingängig darstellt an dieser Stelle.