"Es ist mein Verantwortungsgefühl, Menschen aus anderen Ländern zu helfen"

Ingeborg Reimer spricht im Interview über die Hilfe im ehemaligen Pfarrheim St. Cyriakus.

Mit voraussichtlich über 800 000 Asylsuchenden und Flüchtlingen wird im Jahr 2015 in Deutschland gerechnet. Die nackten Zahlen sagen jedoch nichts über die leidvollen Erlebnisse der Menschen aus. Hinter dieser Zahl stehen Menschen, die wegen Terror, Krieg, Gewalt und Armut ihr Heimatland verlassen haben, um woanders ein neues, besseres Leben zu beginnen.

Die wachsende Zahl von Hilfesuchenden stellt Kommunen und Gemeinden vor große Herausforderungen. Die Betreuung, Versorgung und Unterbringung der Flüchtlinge und Asylsuchenden wird zunehmend eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Immer mehr Kommunen arbeiten vor Ort mit Caritas und Kirchen zusammen. Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich für Flüchtlinge. Vielfältige Aktionen und ehrenamtliche Hilfen laufen auch in unserer Pfarre St. Lukas. Eine, die sich schon seit 15 Jahren für Flüchtlinge und Asylbewerber einsetzt, ist die pensionierte Lehrerin Ingeborg Reimer.

Frau Reimer, Sie leben auf dem Gemeindegebiet von St. Cyriakus und kümmern sich zurzeit um die Flüchtlinge, die seit Januar 2015 im ehemaligen Pfarrheim untergebracht sind. Wer sind die Flüchtlinge? Wo kommen sie her?

Zurzeit sind es vier Frauen. Unser Haus ist ein Frauenhaus mit Kindern. Eine Frau kommt aus Nigeria und hat einen Sohn von knapp vier Jahren und ein Mädchen von neun Monaten. Eine Frau ist aus Guinea mit einem Sohn von sechs Monaten. Eine Frau stammt aus Syrien, sie hat einen Sohn von zwölf Jahren. Die vierte Frau flüchtete aus Eritrea und hat vor einem Monat eine Tochter entbunden. Vor einem Monat waren es noch sechs Frauen, zwei haben Asylrecht bekommen, sind ausgezogen und leben jetzt in eigenen Wohnungen.

Was sind die Herausforderungen, mit denen Sie sich auseinandersetzen müssen?

Das größte Problem ist die sprachliche Verständigung. Mit Englisch komme ich sehr gut klar, mit Schul-Französisch auch. Durch meinen Aufenthalt in arabischen Ländern kann ich ein bisschen Arabisch, so dass das vielleicht manchmal hilft oder den Frauen wenigstens das Gefühl gibt, dass sie ein wenig verstanden werden. Aber es entstehen doch auch Missverständnisse. Eine weitere Herausforderung ist der Platz zum Spielen für die Kinder, die oft auf ein Zimmer begrenzt sind. Außerdem sind die Afrikanerinnen nicht gewohnt, mit Kindern zu spielen. Deshalb bleiben die Kinder oft sich selbst oder dem Fernseher überlassen.
Wir haben versucht, da mittlerweile 16 Helferinnen und Helfer in Niederau aktiv sind, den Deutschunterricht mit gleichzeitiger Kinderbetreuung zu konzipieren. Hier ergibt sich oft die Schwierigkeit, dass die Frauen sich nicht an ausgemachte Zeiten halten, und sich nicht entschuldigen, wenn sie nicht teilnehmen. So haben wir erlebt, dass die Lehrer da sind und die „Schülerinnen“ nicht, weil sie vielleicht einen Termin bei der Stadt haben oder die Kinder hungrig sind.

Eine weitere Herausforderung ergibt sich beim Putzdienst. Jede Woche ist eine andere Frau für die gemeinsam genutzten Räume verantwortlich. Dazu gehören Küche, Toiletten, Bad und Flur, die zweimal pro Woche zu reinigen sind. Für das eigene Zimmer ist jeder selber verantwortlich.

Welche Aufgaben übernehmen Sie und die anderen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer konkret?

Drei Frauen geben dreimal in der Woche Deutschunterricht. Neben dem Deutschunterricht begleiten wir die Frauen zu den Ämtern, bei der Wohnungssuche, bei der Organisation für Kindergartenplätze. Wir gehen bei Arztbesuchen mit, einfach wegen der sprachlichen Barrieren. Wir organisieren und sortieren Kleidung und sonstige Dinge, die abgegeben werden oder die wir aus Haushaltsauflösungen bekommen und verteilen sie möglichst gerecht unter den Frauen. Also die Aufgaben sind ganz vielfältig und obwohl wir so viele Helfer sind, gibt es genug zu tun. Wir können also noch gut Unterstützung gebrauchen.

Außerdem kümmern sich bis zu sechs Frauen um die Kinderbetreuung, weil die Kinder so unterschiedlich alt sind. Eine Frau betreut den vierjährigen Jungen, eine andere die jüngeren Kinder. Sie gehen mit ihnen spazieren, auf den Spielplatz oder bei Regenwetter wird auch drinnen gespielt. Ein kleiner Junge, das ist uns bewusst geworden, ist traumatisiert und braucht gezielte Hilfe. Dies ist aus unserer Sicht vor der Einschulung dringend erforderlich. Bisher konnten wir leider noch keinen Kindergartenplatz für ihn finden.

Also psycho-soziale Begleitung?

Ja, genau!

Ein wichtiger Aspekt. Die Menschen bringen sicher ein ganzes Paket von Schicksalsschlägen und traumatischen Erfahrungen mit. Erfahren Sie im Umgang mit den Frauen etwas davon?

Aus sich heraus erzählt keine etwas. Ich bin auch sehr vorsichtig und bohre nicht nach, weil ich denke, wenn ich das Vertrauen gewonnen habe, kann ich nachfragen. Erst nach drei, vier Monaten habe ich mich getraut, nachzufragen. Und wie ist es dir ergangen? Wie bist du hierhergekommen? Dann erzählen sie ganz vorsichtig, z.B. wie sie einen Monat durch die Wüste gelaufen sind, nichts zu essen und nichts zu trinken hatten, und aus dieser Not den eigenen Urin getrunken haben.

Wo waren die Frauen, bevor sie nach Niederau kamen?
Sicher waren sie in Auffangeinrichtungen, einige waren in Italien und haben da schon ein Jahr zugebracht.

Das heißt, sie sind dann auch vielleicht über das Mittelmeer gekommen?

Ja – davon haben auch ein paar Frauen erzählt. Über Spanien ist eine Frau gekommen. Aber etwas Genaues weiß ich nicht.

Kann man davon ausgehen, dass alle Frauen traumatische Erlebnisse mitbringen und froh sind, in Niederau gut untergebracht zu sein?

Unser Haus ist überschaubar und daher besonders für diese Frauen geeignet. Jede Frau bewohnt mit ihrem Kind oder ihren Kindern ein eigenes Zimmer. Wir sorgen auch, dass sie genügend Wäsche zum Wechseln haben, also Bettwäsche oder Kleidung. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, so etwas wie die Hausmutter zu sein und gehe jeden Tag ins Haus, rede mit den Frauen und frage zum Beispiel nach, ob Post gekommen ist. Sämtliche Anordnungen vom Amt sind ja auf Deutsch und in Amtssprache, womit ich zum Teil auch meine Schwierigkeiten habe.

Sie engagieren sich schon seit langem in der Flüchtlingshilfe. Wie ist ihre persönliche Motivation? Was treibt Sie an?

Aus meiner christlichen Grundhaltung heraus ist es selbstverständlich für mich, anderen zu helfen. Ich habe sieben Jahre im Ausland unterrichtet. Daher kommt mein besonderes Verantwortungsgefühl, Menschen aus anderen Ländern zu helfen. Außerdem habe ich die Angst verloren, auf fremde Menschen zuzugehen. Während der Zeit meiner vielen Reisen habe ich immer wieder Gastfreundschaft kennengelernt. Davon möchte ich etwas zurückgeben. Außerdem erfahre ich so viel Freude und Dankbarkeit, und das ist schon Motivation genug!

Vielen Dank, Frau Reimer.

Das Interview führte Hedi Becker.

„Arsch huh, Zäng ussenander“ – es wird wieder Zeit

Ein Appell zum respektvollen Umgang mit Flüchtlingen

Lichtenhagen und Mölln erreichten zu Beginn der 1990er Jahre negative Bekanntheit. Dort und in einigen anderen Orten gab es damals massive Ausschreitungen gegen Asylbewerber. Es traf vor allem Menschen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens Hilfe suchten. In den vergangenen Wochen rückten Orte wie Heidenau oder Freital in die negativen Schlagzeilen. Die Bilder sind ähnlich. Wieder trifft es Flüchtlinge. Diesmal fliehen die Menschen vor dem Krieg in Syrien, vor dem Terror des IS. Hat Deutschland nichts gelernt? Was können wir tun, um die rassistischen Verbrecher zu stoppen und den Menschen zu zeigen, dass sie letztlich doch zu Gast bei Freunden sind?

Selbst zur Willkommenskultur beitragen

Die Bilder aus den TV-Nachrichten, Zeitungsberichten und Online-Portalen kennen wir alle. Flüchtlingsunterkünfte brennen und Politiker stehen in der Kritik, weil sie nach Meinung vieler Beobachter zu langsam oder nicht entschlossen genug handeln. Zunächst sollte sich jedoch jeder von uns fragen, was er oder sie selbst tun kann, um zur vielzitierten Willkommenskultur beizutragen. Man braucht nicht gleich einen Flüchtling in der eigenen Wohnung aufzunehmen oder in die Krisengebiete zu reisen. Kleine Aktionen können schon zu einer deutlichen Verbesserung der Situation beitragen.

Den Mund aufmachen

In den 1990er Jahren reagierten Kölner Musiker, indem sie ein gemeinsames Konzert veranstalteten und ein klares Motto ausgaben: „Arsch huh, Zäng ussenander“ Dieser Appell ist heute wieder so aktuell wie damals. Den Mund aufzumachen und sich zu Freundlichkeit, Respekt und Nächstenliebe zu bekennen, ist ein erster wesentlicher Schritt. Die Rassisten sind eine Minderheit und das muss deutlich werden, indem sich die hilfsbereiten Menschen positiv zu den Flüchtlingen äußern.

Vorurteile überwinden

Das erleben wir auch in Düren. „Wir haben 150 Gäste“, sagte die Leiterin der Cornetzhofschule über die dort untergebrachten Flüchtlinge und erzählt einem Journalisten, wie die Schüler und die Menschen aus aller Welt Freundschaften schließen, statt sich die Köpfe einzuschlagen. An anderen Orten wie dem ehemaligen Pfarrheim in Niederau erleben wir ähnliche Hilfsbereitschaft. Ehrenamtliche aus der Pfarre und anderen Initiativen engagieren sich und beschäftigen sich mit den Hilfesuchenden. Wenn wir auf die Menschen zugehen, überwinden wir nicht nur Vorurteile. Wir lernen auch die individuellen Schicksale und Persönlichkeiten der Flüchtlinge kennen. Deshalb sollten wir ihnen zuhören.

Eine Begegnung mit einem Flüchtling

So erging es dem Autoren dieser Zeilen vor einigen Wochen am Aachener Bahnhof Rothe Erde. Ein offensichtlich orientierungsloser Mann war eine Station zu früh aus dem Zug ausgestiegen und brauchte nun Hilfe, die ich ihm gerne gab. Schnell wurde mir klar, dass ich einen Flüchtling vor mir hatte, einen dieser Menschen, über die gerade ständig berichtet wird. Da ich Interesse zeigte, erfuhr ich in den wenigen Minuten, die mir bis zur Abfahrt meines Zuges blieben, die dramatische Geschichte meines Gesprächspartners, obwohl dieser nur sehr mühsam Englisch sprach. Der Syrer war auf dem Weg nach Amsterdam, erst einen Tag zuvor aus Wien gekommen. Zuvor war er den beschwerlichen Weg über die Türkei, Griechenland und Mazedonien gegangen, hatte in Istanbul seine Frau zurücklassen müssen. Noch während des kompletten Heimwegs dachte ich über diese Begegnung nach und schrieb am späten Abend darüber im Internet.

Flüchtlinge als Freunde begrüßen

Besonders beeindruckt hat mich dabei, dass mich dieser Mann, dem ich zuvor nie begegnet war und der so viel Negatives erlebt hatte, mehrmals „my friend“ (mein Freund) nannte. Das muss umgekehrt genauso passieren. Wir müssen die Flüchtlinge als Freunde begrüßen, sie herzlich willkommen heißen. In den vergangenen Jahren wurde immer darüber geredet, dass wir wegen der demografischen Entwicklung junge, gut ausgebildete Menschen brauchen. Zahlreiche solcher Menschen kommen gerade aus aller Welt zu uns. Wenn wir unsere Gäste kennenlernen, erkennen wir die Chance. Diese Chance sollten wir nutzen und nicht durch dummes Verhalten verspielen. Der Hass ist dort am geringsten, wo Wissen und Interesse am größten sind. Wir wollen zeigen, dass in Deutschland viel Platz für Flüchtlinge, aber kein Platz für Rassisten ist. Oder um es mit den Kölner Musikern zu sagen:

„Wie wöhr et, wemmer selver jet däät, wemmer die Zäng ens ussenander kräät?
Wenn mir dä Arsch nit huhkrieje, ess et eines Daachs zo spät.“

Markus Schnitzler

Unterstützung für Flüchtlinge im Stadtteil Düren Süd-Ost – ein Beispiel

Spätestens in den letzten Monaten konnte sich niemand mehr der Tatsache verschließen, dass immer mehr Flüchtlinge nach Europa und speziell nach Deutschland drängen. Dass dies neben einer großen Chance auch eine schwierige Herausforderung für Politik und Gesellschaft darstellt, ist allgemein Konsens. Doch was wird ganz konkret in Düren für Hilfesuchende geleistet?

Am Beispiel Düren Süd-Ost zeigt sich, wie es möglich ist, bestehende Angebote auf die neue Situation anzupassen. Seit längerer Zeit gibt es etwa mit dem Bürgerhaus Ost in der Nörvenicher Str. 7–9 eine Anlaufstelle für Hilfesuchende, die auf Initiative der Pfarre St. Lukas und der evangelischen Gemeinde Düren ins Leben gerufen wurde und von der Stadtteilvertretung unterstützt wird. Jeden Donnerstag von 15 bis 17 Uhr können Hilfesuchende hier ohne große Hürden schnell und koordiniert Hilfe erhalten und gleichzeitig Kontakte zu anderen sozialen Einrichtungen knüpfen, etwa durch die Beratung der Caritas. Oft genügt schon ein offenes Ohr. Unterstützung in Form von Lebensmitteln oder Geld stehen dagegen nicht im Mittelpunkt der Arbeit.

Helfende Hände willkommen

Unterstützt werden die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen Susanna Jung und Pfarrerin Vera Schellberg von mehreren ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. In der aktuellen Situation wird spürbar, dass weitere Unterstützung dankbar angenommen wird.

Denn seit etwa einem Jahr nehmen verstärkt Flüchtlinge, die in verschiedenen Einrichtungen in Düren eine Unterkunft gefunden haben,  diese Hilfe in Anspruch. Neben der steigenden Nachfrage müssen zu diesem Zweck auch neue Angebote geschaffen werden, etwa in Form von Sprachkursen, Begleitung zu Ämtern, Spielangeboten für Kinder etc. Stadt und Stadtteil unterstützen bei diesen neuen Aufgaben, sind aber auf die Arbeit von Initiativen wie dem Bürgerhaus angewiesen.

Um neue Ideen im Stadtteil zu entwickeln, fand Ende August eine mit rund 50 Teilnehmern gut besuchte Veranstaltung statt, an der auch zahlreiche Jugendliche teilnahmen. Die Ergebnisse werden Mitte September in der Stadtteilvertretung ausgewertet. Auch zur Umsetzung dieser Ideen werden sicherlich helfende Hände benötigt.

Finanzielle Unterstützung

Wer die Arbeit auch finanziell unterstützen möchte kann dies über das Konto Pfarre St. Lukas, Caritas St. Bonifatus, IBAN DE43395501101200782512 tun.

Andreas Hahne